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Porträt der Modellkommune Gießen

Junge Syrerinnen und Syrer absolvieren Praktika in Gießener Kommunalverwaltung

Über das Projekt

Der Landkreis Gießen ist eine von sieben Modellkommunen, die sich im Rahmen der Initiative „Kommunales Know-how für Nahost“ für den zukünftigen Wiederaufbau von Kommunen in Syrien engagieren. Fünf syrische Geflüchtete lernen aktuell im Rahmen von Praktika, wie die Kommunalverwaltung in Gießen funktioniert. Natürlich wisse man nicht, wann der Krieg einmal zu Ende sein wird, sagt Istayfo Turgay, Dezernent für Integration, Anti-Diskriminierung und Teilhabe des Landkreises. „Aber wir wollen Menschen befähigen, sich am Wiederaufbau zu beteiligen, sobald das möglich ist.“

Nach einer von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) finanzierten dreitägigen Einführung in die Aufgaben und die Rolle einer Kreisverwaltung bewarben sich fast 30 Syrerinnen und Syrer um einen Praktikumsplatz. Die Zahl der qualifizierten Bewerbungen sei so hoch gewesen, dass die Auswahl extrem schwer fiel, sagt Turgay. Drei Frauen und zwei Männer konnten dann im Herbst und Winter 2018 ihre sechs- bzw. zwölfmonatigen Praktika beginnen, die von der SKEW mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert werden.

Blick auf die Burg Vetzberg in der kreisangehörigen Gemeinde Biebertal.
Dem Landkreis Gießen gehören 18 Städte und Gemeinden an. Mit 260.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist der Landkreis die größte Modellkommune im Projekt. Foto: Landkreis Gießen
Zwei Männer schauen in Richung der Kamera, vor ihnen stehen jeweils ein türkische und deutsche Flagge. es
Wie funktioniert die kommunale Selbstverwaltung auf Kreisebene? Welche Rolle hat der Kreistag? – Kreistagsvorsitzender Karl-Heinz Funck beantwortete bei der dreitägigen Einführungsveranstaltung die vielen Fragen der Geflüchteten aus Syrien. Foto: Landkreis Gießen

Lernen für den Wiederaufbau in Syrien

Lilit Nazarian ist eine von ihnen. Die 28-Jährige stammt aus Aleppo und bringt aus ihrer Heimat eine Ausbildung zur Grafik-Designerin mit. 2013 flüchtete sie mit Mann und Kind nach Deutschland. Ihr zweites Kind ist hier geboren. Zunächst kümmerte sie sich um die Familie und lernte die deutsche Sprache. Dann wollte sie sich beruflich weiterentwickeln, zum Familieneinkommen beitragen und sich auf die Zukunft vorbereiten. „Wenn ich einmal nach Syrien zurückgehe, dann möchte ich auch etwas Konkretes für meine Heimat tun können“, sagt sie. In der Gießener Kreisverwaltung habe sie dafür wichtige Kenntnisse erworben.

In der ersten Praktikumsphase lernte Lilit Nazarian den zentralen und internen Fachbereich kennen. Es folgten das Büro für Frauen und Gleichberechtigung, die Fachbereiche Schule, Finanzen sowie Bauen. Danach hospitierte sie zwei Wochen in der Pressestelle der Behörde.

Großes Interesse an demokratischen Strukturen

Kreis-Pressesprecher Dirk Wingender ist beeindruckt vom Engagement der syrischen Praktikantin. „Sie war mehr an grundlegenden Fragestellungen interessiert als viele Praktikantinnen und Praktikanten, die wir normalerweise haben.“ meint Wingender.

Nazarian stellte viele Fragen etwa zur Auskunftspflicht einer Berhörde oder zur Unabhängigkeit der Presse und deren Bedeutung für die Demokratie. Aber sie lernte auch praktische Pressearbeit kennen, pflegte Texte in die Website ein, übersetzte einen Flyer ins Arabische und war an der Vorbereitung eines Pressegesprächs beteiligt. Ins Verwaltungsdeutsch konnte sie sich dabei gut einarbeiten. „In jedem Fachbereich gab es etwas, was mir Spaß gemacht hat. Überall sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freundlich und die Atmosphäre ist familiär.“ resümiert Lilit Nazarian.

Stadtansicht von Gießen
Blick auf die Innenstadt der Stadt Gießen. Eine Praktikantin und ein Praktikant sind vom Landkreis in die Stadtverwaltung Gießen abgestellt. Foto: Flickr, atxcowboy,(CC BY NC SA 2.0))
Mitarbeitende aus der Vewaltung und die fünf Praktikantinnen aus Syrien haben sich zum Gruppenfoto aufgestellt.
Auch die Kolleginnen und Kollegen profitieren vom Projekt und stärken ihre interkulturelle Kompetenz. Teresa Gimbel (Landkreis Gießen), Landrätin Anita Schneider, Eduard Galyschew (Stadt Gießen) und Integrationsdezernent Istayfo Turgay mit den Praktikantinnen und Praktikanten George Tourou, Basher Ali, Maria Roham, Ghalia Abojanb und Lilit Nazarian. Foto: Landkreis Gießen

Interkulturelle Öffnung der Verwaltung

Für die Gießener Kreisverwaltung war das Projekt Neuland. „Wir wussten anfangs nicht, wie die Kolleginnen und Kollegen reagieren würden“, sagt Dezernent Turgay. Manche seien zunächst etwas verhalten gewesen. Das habe sich aber schnell geändert. Alle waren beeindruckt, wie lernbereit und qualifiziert die syrischen Praktikantinnen und Praktikanten sind. Mit der Projektteilnahme konnte ein weiterer Schritt in Richtung interkultureller Öffnung der Verwaltung getan werden. Die Mitarbeitenden bekommen ein besseres Verständnis für den Hintergrund ihrer neuen Kolleginnen und Kollegen. Das stärkt die interkulturelle Kompetenz und den sozialen Zusammenhalt im Landkreis, dessen Einwohnerinnen und Einwohner heute schon zu einem Drittel einen Migrationshintergrund haben.

Mit einer baldigen Rückkehr der Geflüchteten nach Syrien ist derzeit nicht zu rechnen. „Wer nicht die Perspektive einer baldigen Rückkehr hat, soll hier in Gießen einen Anker finden“, sagt Dezernent Turgay und sieht im Projekt daher auch einen wichtigen Beitrag zur Integration in die deutsche Gesellschaft.

Wissensvermittlung in alle Richtungen

Nicht nur die Praktikantinnen und Praktikanten sowie ihre Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung lernen im Rahmen des Projektes Neues kennen. Um die Stadtgesellschaft über das Projekt und die Hintergründe des Syrien-Konflikts zu informieren, veranstaltete die Kreisvolkshochschule, unterstützt von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, im Oktober und November 2018 zwei Gesprächsabende in Gießen und Wettenberg. Als der Nahost-Experte Simon Jacob über „Religion, Macht, Politik in Syrien" sprach, kamen insgesamt etwa 120 Besucherinnen und Besucher - mehr, als es Plätze gab.

 

Ein Mann und eine Frau diskutieren vor einer Stellwand mit Fotos.
Das Interesse war groß an den Veranstaltungen mit Nahost-Experte Simon Jacob, hier im Gespräch mit der Landrätin des Landkreises Gießen, Anita Schneider. Foto: Oannes Consulting